Interview mit Tuğba Tekkal, Initiatorin SCORING GIRLS

Aktualisiert: Sept 18


Tuğba Tekkal ist Initiatorin von SCORING GIRLS, einem Sport- und Integrationsprojekt, das Fußballtraining für Mädchen mit Fluchthintergrund & für einheimische Mädchen aus sozial schwachen Familien anbietet. Die Initiative hat kürzlich den Julius Hirsch Preis 2020 erhalten und wurde vom DFB für ihr Engagement für die Integration geflüchteter Mädchen ausgezeichnet. Tuğba ist ehemalige Spielerin des 1. FC Köln und hat nach ihrer Profi-Karriere gemeinsam mit ihren Schwestern die Menschenrechtsorganisation HAWAR.help gegründet.


Beginnen möchte ich mit der Frage nach der aktuellen Situation: wie gehst du durch diese unruhigen Zeiten und wie wirken sie sich auf dich und deine Arbeit aus? 


Wir mussten uns bei unserer Arbeit für HAWAR.help natürlich auch erst einmal auf die neue Situation einstellen und schauen, wie es mit unseren Projekten weitergeht. Insbesondere, da unsere Projekte von Begegnungen und Austausch leben, mussten wir da erst einmal umdenken. Gerade in Zeiten großer Unsicherheit, ist die Unterstützung durch Integrations-/ und Hilfsprojekte natürlich umso wichtiger. Wir haben uns mit der Situation arrangiert und es zum Glück geschafft, uns flexibel an die außergewöhnliche Lage anzupassen. Wir konnten beispielsweise die Initiative GermanDream, für die ich als Wertebotschafterin tätig bin, innerhalb kurzer Zeit auf ein digitales Konzept umstellen. 


Du bist Initiatorin von SCORING GIRLS. Wie kam es zur Gründung von SCORING GIRLS und warum setzt du dich gerade für Mädchen und für Mädchen mit Fluchthintergrund & aus sozial schwachen Gebieten ein?


Ich habe einen Weg gesucht, mich sozial zu engagieren und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Dabei wollte ich etwas tun, was ich besonders gut kann und da lag es natürlich nahe, ein Fußballprojekt zu starten. Bei SCORING GIRLS handelt es sich um ein integratives Projekt. Für mich hat der Fußball, in meinem Leben unheimlich viel verändert. Ich konnte über meine Erfolge im Sport ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen, dass sich dann letztendlich auch in anderen Lebensbereichen gezeigt hat.

Ich möchte mit dem SCORING GIRLS Projekt erreichen, dass die Mädels lernen in ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, dass sie ein größeres Selbstbewusstsein entwickeln und ich möchte ihnen über die Mannschaft ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.

Neben dem Fußballtraining gibt es weitere Aktivitäten, die du mit den Mädchen unternimmst. Was sind die Bestandteile des Projekts? 


Abseits vom Fußballfeld geht es uns auch darum, den Mädchen in ihrem Alltag verschiedene Hilfestellungen zu geben, beispielsweise durch Hausaufgabenbetreuung. Wir greifen auch den Familien unter die Arme, versuchen sie an die Hand zu nehmen und ihnen die Möglichkeiten hier in Deutschland aufzuzeigen.

Dazu gehört auch manchmal, die Eltern überhaupt erst für unsere Sache zu gewinnen. Teilweise haben sie Probleme damit, dass ihre Töchter Fußball spielen. In solchen Fällen ist es wichtig auf die Menschen einzugehen und ihre Bedenken ernst zu nehmen, aber ihnen auch deutlich zu machen, warum es so wichtig ist den Mädchen die gleichen Möglichkeiten einzuräumen wie den Jungs.

Wir unterstützen die Mädchen und ihre Familien also in verschiedensten Bereichen. 


Von 2009 bis 2017 hast du beim 1. FC Köln in der Bundes- und 2. Bundesliga gespielt. Kannst du ein bisschen von deinem Weg und Werdegang erzählen? Wie bist du zum Fußball und Profifußball gekommen?


Ich habe den Fußball damals durch meine Brüder entdeckt, die mich mit auf den Bolzplatz genommen haben. Erstmal musste ich meiner Leidenschaft heimlich nachgehen, denn meine Eltern waren der Meinung Fußballspielen gehört sich nicht für ein Mädchen. Meine Brüder waren es dann letztendlich auch die durchgesetzt haben, dass ich im Verein zu spielen darf. Dort habe ich dann mit 16 angefangen zu spielen. Dann kam das Angebot vom HSV, die mir einen Profivertrag in Aussicht gestellt haben. Die letzte Etappe im Profifußball, war dann für mich der 1.FC Köln. 


Wie ging es nach deiner Profifußball-Karriere weiter? 


Ich habe gemeinsam mit meinen Schwestern die Menschenrechtsorganisation HAWAR.help gegründet. Die Organisation wurde als Antwort auf den Völkermord an den Jesiden durch den IS gegründet, um den Opfern eine Stimme zu geben. Daraus sind mittlerweile verschiedene Projekte hervorgegangen. Dazu gehört auch das SCORING GIRLS Projekt, dass ich ins Leben gerufen habe und leite. Ich bin außerdem Wertebotschafterin bei der Initiative GermanDream, die sich für Demokratieförderung und Wertevermittlung an Schulen einsetzt.




Was schätzt du an der Zusammenarbeit im Frauen-Team und mit deinen Schwestern?


Es ist natürlich schön durch die Arbeit einen Teil meiner Familie so oft um mich herum zu haben. Die Zusammenarbeit mit meinen Schwestern, funktioniert für uns unheimlich gut.

Wir sind uns zwar in unseren Werten sehr ähnlich, ansonsten aber durchaus sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und ergänzen uns da auch in der Arbeit perfekt.

Wir haben uns schon immer gegenseitig unterstützt und haben einen sehr engen Zusammenhalt. Da schätze ich mich wirklich glücklich. 


Was braucht es aus deiner Sicht, um mehr Frauen und Weiblichkeit in die Sportbranche zu bringen?


Ich denke, es braucht erst einmal mehr Vorbilder, an denen sich junge Mädchen orientieren können. Wichtig ist aber auch die Anerkennung für die erbrachte Leistung in der Gesellschaft. Momentan bestehen hier noch große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das fängt schon beim Gehalt an. Ich habe als Fußballerin damals gespielt wie ein Profi aber verdient habe ich dennoch wie ein Amateur.

Stichwort Female Leadership...: Wie sind deine Erfahrungen - bringen Frauen andere Impulse, Qualitäten oder Werte mit ein?


Das kann man natürlich nicht pauschal sagen, denn jeder Mensch bringt ja ganz individuelle Werte und Qualitäten mit.

Ich würde dennoch sagen, dass Frauen oftmals eine andere Perspektive mitbringen und Diversität in Führungspositionen mit vielen Vorteilen einhergeht. Grade deswegen finde ich es so wichtig, dass jungen Mädchen bereits das Gefühl gegeben wird, dass sie alles schaffen können und machen dürfen was Jungs machen. 

Jetzt noch ein paar persönliche Fragen:


Was bedeutet Erfolg für dich? Und was Zufriedenheit?


Zufrieden bin ich, wenn ich meiner Leidenschaft nachgehen kann. Da hatte ich das große Glück, dass ich meine Leidenschaft sogar zum Beruf machen konnte. Erfolg bedeutet für mich, einen Unterschied in der Gesellschaft machen zu können, das Gefühl zu haben einen sinnvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten. Besondere Erfolgsmomente sind für mich auch, wenn ich sehe wie sich die Mädels bei SCORING GIRLS entwickeln und über sich hinauswachsen.


Wer oder was gibt dir Kraft?


Meine Familie. Ich habe insgesamt 10 Geschwister, komme also aus einer sehr großen Familie. Den jeweils anderen zu unterstützen und uns gegenseitig Kraft zu geben ist für uns sehr wichtig. Kraft geben mir aber auch die vielen Unterstützer unserer Arbeit, die positive Resonanz die wir bekommen und letztlich auch zu sehen was wir auf unserem Weg schon alles geschafft haben und wie sich die Projekte immer weiterentwickeln. 


Hast du ein oder mehrere Vorbilder, die dich motivieren und inspirieren?


Ich habe das Glück in eine Familie von starken Frauen hineingeboren worden zu sein. Motiviert und inspiriert hat mich immer meine Großmutter, weil sie zeit ihres Lebens furchtlos war und ihre Frau gestanden hat. Außerdem meine Mama, weil sie 11 Kinder großgezogen hat, es geschafft hat uns die richtigen Werte zu vermitteln, ohne je schreiben und lesen gelernt zu haben. Ich habe sie außerdem bis heute noch nie Jammern gehört. Eine große Motivation und Inspiration ist auch meine große Schwester Düzen, die seiner Zeit ihr altes Leben hinter sich gelassen hat und in ein neues Leben aufgebrochen ist um Menschen eine Stimme zu geben die vorher in unserer Gesellschaft nicht gehört worden sind.


Ein freier Tag... - wie gestaltest du ihn?


Einen freien Tag gestalte ich vorzugsweise im Kreise meiner Liebsten, also umgeben von Freunden und Familie. Ein paar Sporteinheiten und Schlemmereien dürfen aber auch nicht fehlen. 


Was ist das zuletzt gelesene Buch, was dir immer noch im Kopf ist?


Das letzte Buch, das ich gelesen habe war “#German Dream: Wie wir ein besseres Deutschland schaffen“ von meiner Schwester Düzen Tekkal. Das Buch liefert wichtige Impulse für die Debatte, wie und auf Basis welcher Werte wir die Gesellschaft gestalten wollen. Dafür hat sie eine Reihe von sehr ehrlichen Interviews mit verschiedenen Menschen geführt, die alle einen wertvollen Beitrag zu dieser Frage leisten konnten. Das Buch kann ich nur jedem ans Herz legen, der unsere Gesellschaft gerne aktiv mitgestalten will.



Liebe Tuğba, vielen Dank für die wertvollen Einblicke. Mich beeindruckt dein Engagement, deine Haltung und deine Biografie!

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