Interview mit Anne Baumann, Präsidiumsmitglied SV Darmstadt 98

Aktualisiert: Sept 25


Als eine von wenigen Frauen in der Bundes- und 2. Bundesliga ist Anne Baumann seit 2008 Präsidiumsmitglied für den Bereich Finanzen beim Zweitligisten SV Darmstadt 98. Sie ist Diplom-Finanzwirtin, Steuerberaterin und Fachberaterin für den Heilberufebereich. Und sie ist Partnerin der Kanzlei Baumann & Baumann, einer Kanzlei für strategische Beratung für Steuern und Recht.


Beginnen möchte ich mit der Frage nach der aktuellen Situation: wie gehst du durch diese unruhige Zeit und wie wirkt sich das aktuelle Weltgeschehen auf deine Arbeit aus?


Natürlich hat die Pandemie großen Einfluss auf unseren Alltag und damit Berufsleben. Wir sprechen da in erster Linie über finanzielle Einschnitte, vor allem im Verein, aber wir haben sowohl bei Darmstadt 98 als auch in unserer Kanzlei viele Anpassungen vorgenommen, um die Hygiene- und Abstandsregeln umzusetzen, um weiter möglichst sicher und geschützt arbeiten zu können. Meetings finden verstärkt digital statt, Arbeit im Home-Office findet mehr Akzeptanz in der Gesellschaft – die Arbeitswelt befindet sich ein Stück weit im Wandel.

Die Bundes- und 2. Bundesliga-Saison 2019/20 wurde unter strengen Auflagen zu Ende gespielt. Inzwischen hat die Saison 20/21 mit einem speziell erarbeiteten Konzept begonnen. Wie blickst du auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs gerade auch aus der Brille deiner Funktion als Präsidiumsmitglied im Bereich Finanzen beim SV Darmstadt?


Wir sind alle sehr froh und dankbar, dass die Saison zu Ende gespielt werden konnte. Wenn überraschenderweise im letzten Quartal der Saison fest im Etat verplante Gelder ausfallen, ist das schwer aufzufangen. Wir profitieren davon, in den vergangenen Jahren konservativ gewirtschaftet und Rücklagen geschaffen zu haben. Dennoch sind solche Rücklagen natürlich endlich, vor allem, wenn man weiter laufende Kosten stemmen muss. Es war für uns daher unabdingbar, dass wir wieder spielen, weil wir auf die damit einhergehenden Gelder angewiesen sind, um den Verein am Laufen zu halten. Denn dieser besteht nicht nur aus einem Trainer und 25 Spielern, sondern dahinter stehen viele weitere Mitarbeiter.


Du bist alleiniges weibliches Mitglied im siebenköpfigen Präsidium des SV Darmstadt. Daneben bist du in der Kanzleileitung von Baumann & Baumann, auch hier als einzige Frau neben sieben Männern. Erzähl doch mal ein bisschen... wie geht es dir in diesen Konstellationen? Fällt es dir schwer oder leicht die einzige Frau zu sein, oder beschäftigt es dich gar nicht?


Da wir seit vielen Jahren sehr vertraut und eng miteinander arbeiten und sowohl in der Kanzlei als auch im Verein auch schon viele Extremsituationen – positive wie negative – gemeinsam gemeistert haben, beschäftigt es mich nicht wirklich. Am Ende weiß ich, dass Loyalität, Leidenschaft, Fleiß und gute Ergebnisse immer geschätzt werden. In einem Fußballverein darf man sich hin und wieder auch nicht so wichtig nehmen. Gerade in einer so männerdominierten Domäne hilft es ungemein, selbst immer mal einen passenden Spruch auf Lager zu haben.



Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit deinen männlichen und weiblichen Kollegen*Innen und Mitarbeiter*Innen und was schätzt du an gemischten Teams?

Ich halte gemischte Teams für extrem produktiv und erfolgreich, weil man sich gegenseitig ergänzt und jeder seine Stärken und Talente in das Team mit einbringen kann. Ich würde das auch gar nicht zwingend nur auf das Geschlecht begrenzen, sondern halte es grundsätzlich für sinnvoll und zielführend, wenn unterschiedliche Charaktere zusammenarbeiten. Das kann für das Ergebnis nur förderlich sein.

Stichwort Female Leadership...: Führen Frauen anders als Männer? Bringen Frauen andere Impulse, Qualitäten oder Werte mit ein?


Frauen werden gewisse soziale Kompetenzen zugeschrieben, die oftmals etwas belächelt werden, weil es sich um eher weiche Faktoren handelt.

Tatsächlich sind Empathie, Intuition und ein gewisses Gespür ein unheimlich hohes und kostbares Gut – deswegen halte ich es für sinnvoll, wenn diese Fähigkeiten auch konsequent eingebracht werden. In meinem eigenen Umfeld merke ich, dass diese Komponenten sehr geschätzt werden – sei es von Spielern, Mitarbeitern oder auch von meinen Präsidiumskollegen.

Nichtsdestotrotz ist es unerlässlich, eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag zu legen und in der Sache kritisch zu sein. Diversität bedeutet nicht immer Harmonie, aber sicher kommen bessere Entscheidungen dadurch zustande.

Gibt es beim SV Darmstadt 98 speziell Projekte für Frauen?


Frauen sind in unserem Verein genauso willkommen, werden wertgeschätzt und sollen sich wohl fühlen wie alle anderen Stadionbesucher auch. Wir haben mit "Lily" eine Anlaufstelle für Frauen geschaffen, einerseits wollen wir Aufklärung und Prävention im Bezug zu Sexismus im Fußball betreiben und andererseits Hilfestellungen anbieten für Frauen, die Hilfe suchen.


Der SV Darmstadt engagiert sich stark im sozialen Bereich. Kannst du darüber ein bisschen was erzählen?


Erst kürzlich haben wir eine Spende in Höhe von 10.000 Euro an den Kinderschutzbund Darmstadt überreicht, um der Stadt und den Menschen etwas zurückzugeben, nachdem so viele Fans auf eine Rückerstattung ihrer Dauerkarte verzichtet haben. Über unser Sozialprojekt „Im Zeichen der Lilie“ haben wir alle unsere sozialen Aktionen gebündelt, wir haben viele spannende Projekte begleitet und tun das auch weiterhin mit viel Engagement und Herzblut.

Was braucht es aus deiner Sicht, um mehr Frauen und Weiblichkeit in die Sportbranche zu bringen?

Eine ehrliche innere Überzeugung, dass gemischte Teams bzw. Frauen der Branche guttun. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Qualität immer durchsetzt unabhängig vom Geschlecht. Festgeschriebene Quoten sind meiner Meinung nach keine gute Lösung, es kommt auf die Mischung zwischen fachlicher Kompetenz und stimmender Chemie an.

Zum Schluss noch ein paar persönliche Fragen:


Wer oder was gibt dir Kraft?


Meine Familie und mein Optimismus


Hast du ein oder mehrere Vorbilder, die dich motivieren und inspirieren?  


Ich habe Vorträge von Fr. Dr. Getrud Traud gehört, Chefvolkswirtin der Helaba. Eine interessante Persönlichkeit in einem männerdominierten Job. Eine Frau mit höchster fachlichen und sozialen Kompetenz, die sehr humorvoll ist, das hat mir sehr imponiert.


Ein freier Tag... wie gestaltest du ihn?


Ich gehe Joggen und verbringe viel Zeit mit meinen Nichten.


Was ist das zuletzt gelesene Buch, was dir immer noch im Kopf ist?


Das Rosie-Projekt, eine Empfehlung eines sehr guten Freundes.



Liebe Anne, vielen Dank für das Interview und deine wertvollen Statements!

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